Rede von Tom Hodgkinson
Als Opener vom ersten Tag sprach vor drei Stunden Tom Hodgkinson in der Halle über sein Buch und seine Einstellung zur Arbeit. Ganz abseits vom Audio-Mitschnitt des Vortrags, hat uns Matthias Fersterer freundlicherweise live eine Zusammenfassung geschrieben…
“Während Hodgkinsons erstes Buch „Anleitung zum Müßiggang“ die industrielle Revolution kritisierte, zieht er in seinem jüngsten Werk mit der Reformierung und der protestantischen Arbeitsethik ins Gericht. Er leitete den Vortrag mit dem provokanten Slogan „work kills“ ein. Dieser Slogan sei keineswegs auf ein Underground-Märchen zurückzuführen, sondern begründe sich auf einer UN-Studie, wonach die Arbeit und deren Folgen weltweit jährlich 2 Millionen Menschen ums Leben brachte. Das seihen mehr Tote als durch Alkohol und Drogen zusammen und eine Vielfaches des Terroranschlags vom 9.11.2001.
Sodann gab Hodgkinson einen kurzen Überblick über seine eigene Arbeitsbiografie, die ihn vom freien Studentenleben, über „Traumjobs“ in Skater- und Musikläden, zu „vernünftigen Arbeitsstellen“ bei Zeitschriften, bei denen er jedoch unter der Abfälligkeit der Vorgesetzten, dem Mangel an Freiheit sowie dem Gefühl der Demütigung und den damit verbundenen Gefühlen Wut und Selbsthass litt.
Inspiration und Trost fand er damals u.a. bei Denkern wie Dr. Samuel Johnson, Oscar Wilde (Zitat: die Götter frönen der Freizeit) oder Bertrand Russel (Essay: „Lob des Müßiggangs“) der allesamt vehemente Verfechter des Müßigganges waren – so kam es zur Gründung von Hodgkinsons Zeitschrift „The Idler“ (dt: der Müßiggänger) und seinem ersten Buch „Anleitung zum Müßiggang“. Zunächst ermöglichte ihm der Müßiggang den Weg zu Produktivität und Kreativität, er stellte jedoch schon bald fest, dass der einsetzende Erfolg ihm genau das Leben beschert hatte, aus dem er ursprünglich hatte aussteigen wollen.
Als Reaktion darauf zog er sich mit seiner Familie in die Idylle des englischen Landes zurück, wo er sich daran machte, sein zweites Buch „Die Kunst, frei zu sein“ zu verfassen. Als Feind der Freiheit machte er die Reformation und den damit einhergehenden Vormarsch des protestantischen Arbeitsethos aus, der von Calvin und Luther geprägt und von Max Weber analysiert wurde. Während der industriellen Revolution hätte dieser Arbeitsbegriff dazu geführt, dass eine neue, disziplinierte Schar von Arbeitern für die aufkommenden Manufakturen geformt wurde. Diese Mixtur aus anerzogener Schuld und Verdammung sämtlicher Freuden wurde beispielsweise von dem Kapitallisten Benjamin Franklin propagiert, der das Prinzip ‚Zeit ist Geld propagierte’ und geraten haben soll: „Lass deine Gläubiger dich nicht in der Kneipe erwischen, sondern beim Schuften“, sowie von religiösen Bewegungen wie z.B. den Methodisten, die in Gott eine Art Über-Chef sahen.
Als Gegenentwurf präsentierte er das Leben der mittelalterlichen Mönche und Zunftgemeinschaften. In Ländern wie Italien oder Deutschland entstanden damals selbstbestimmte Kommunen, in denen die Arbeit in Zunften organisiert wurde. Diese Gemeinschaften setzten auf das Prinzip kollektiver Kreativität sowie Mitbestimmung. Ein Zuviel an Arbeit und Überstunden wurden abgelehnt, da Arbeit an Sonn- und Feiertagen als Zeichen für mangelnden Glauben an Gottes Vorhersehung aufgefasst wurde. Hodgkinson sieht in diesen Zunften antikapitalistische Systeme, da die Zinswirtschaft als äußerst kritisch betrachtet wurde. Nicht der Fatalismus, sondern der Gedanke der Brüderlichkeit war vorherrschend. Sie waren geprägt von der arestotelischen Ethik, die den Genuss zum Grundsatz hatte.
Die Mönche des mittelalterlichen Europas hingegen begründeten ihre Lebensfreude auf die Bergpredigt sowie Werte wie Brüderlichkeit, Höfflichkeit, Freundlichkeit, Solidarität und Gemeinschaftlichkeit. Armsein hieß dem Beispiel Jesu folgen. Armut wurde nicht als parasitär angesehen, sondern als Pflichterfüllung einer sozialen Aufgabe angesehen, da dies die Solidarität der Mitmenschen erst ermöglichte. Zeit wurde nicht als Geld angesehen, sondern als der Besitz Gottes. Außerdem lobte er den Sinn für ökologische Landwirtschaft und erneuerbare Energien der mittelalterlichen Ordensmänner.
Als Gegenkräfte kritisierte er u.a. König Heinrich VIII, der für Englands Trennung von der katholischen Kirche verantwortlich war, sowie den puritanischen Herrscher Oliver Cromwell (den er mit Lenin verglich), der nicht nur das Feiern des Weihnachtsfestes verbot, sondern den Engländern auch die vielgeliebte Weihnachtsbäckerei Minced Pies untersagte. Sinnliches wie Farben oder Gerüche und sonstige Freude und Genüsse wurden abgelehnt, da diese als der Erlösung nicht dienlich angesehen wurden.
Jedoch betonte Hodgkinson, dass es ihm nicht um die Romantisierung des Mittelalters ginge. Vielmehr wolle er bei der Rückerinnerung an wertvolle Ideen behilflich sein. Die Gesellschaft hat die Menschen untereinander entfremdet. Das protestanische Arbeitsethos mit der Betonung von Schuld lehne er hingegen ab. Es ginge ihm um die Frage, ob wir in der Lage seien, unser eigenes Leben zu schaffen und betonte dass er nicht eine große, systemumstürzende Revolution anstrebe. Vielmehr sehe er es als wünschenswert, eine Revolution des eigenen Alltags im Rahmen des eigenen Alltags zu vollziehen, um ein Gegengewicht zum kapitalistischen Arbeitsbegriff zu schaffen.
Abschließend präsentiere Hodgkinson sein Manifest, um diesem Ziel näher zu kommen; unter anderem steht dort folgendes geschrieben: Tod dem Supermarkt, Backe Brot, spielt die Ukulele, Tätigkeit ist aussichtslos, hört auf zu jammern, hört auf zu konsumieren, beginnt zu produzieren, zieht euch aufs Land zurück, liebe das Schöne, liebe die Armut, ignoriere den Staat, das Leben ist absurd, wir sind frei, freut euch des Lebens…
Nach seiner Technologiekritik gefragt, äußerte Hodgkinson eine gewisse Technologieskepsis, da sie dazu tendiere, den Menschen eher zu versklaven und in Abhängigkeit zu führen als ihn zu befreien. Auf die Frage, ob er urbane Lebensräume ablehne und man im Rahmen seines Lebensentwurfes aufs Land ziehen müsse, antwortete er, dass er es zwar teilweise bereue aufs Land gezogen zu sein, da Stadtluft tatsächlich freimachen könne. Idealerweise sollten Stadt und Land jedoch im Tandemsystem miteinander verknüpft werden, um ein ganzheitlicheres Leben mit größerer Nähe zur Natur zu ermöglichen.”





August 24th, 2007 at 11:43
vorweg, ich habe den vortrag _nicht_ live gehoert, sondern nur hier, indirekt mitbekommen und das referat gelesen … leider scheint der begriff von geschichte den hodgkinson pflegt, gelinde gesagt, idyllisch, wo nicht straeflich … seit es menschen gibt, arbeiten sie, aber “arbeit” beginnt mit zwang (und teilweise sklaverei) in dem moment, wo sich kapital herausbildet - im darf hier folgendes empfehlen:
http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_741.htm
dann insbesondere:
2. Expropriation des Landvolks von Grund und Boden
und 3. 3. Blutgesetzgebung gegen die Expropriierten
hier gibt es auch den unglaublichen satz: “Um dieselbe Zeit, wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen.”
dear mr. hodgkinson: pls read a little more marx, thank you!
August 25th, 2007 at 3:03
[…] den Methodisten, die in Gott eine Art Über-Chef sahen. (Eine Zusammenfassung der Rede ist hier […]